Gastbeitrag Pferdehaltung Pferdezucht

Pferdezucht, eine Wissenschaft für sich

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Ohne lange überlegen zu müssen, würde ich Urs Schweizer als Koryphäe in der Pferdezucht betiteln. Ich kenne ihn nun schon seit gut fünfzehn Jahren und war damals schon beeindruckt von seinem fundamentalen Wissen über die Pferde. Man muss kein Menschenkenner sein, um zu bemerken, dass sein Herz für die Pferde schlägt. In seiner 30-jährigen Karriere hat er mehrfach bewiesen, dass er in der Pferdezucht die Theorie in die Praxis erfolgreich umsetzen kann. Ich bewundere nicht nur seinen Werdegang, sondern auch allgemein seine Passion zu den Tieren. Für mich ist es jedes Mal eine Ehre mit ihm Fachsimpeln zu dürfen und dadurch von ihm lernen zu können. Nun soll dies kein Privileg mehr für mich bleiben, sondern auch mit meinen Lesern geteilt werden. Themen zur Anpaarung, Fohlenaufzucht und Bewertung junger Pferde werden heute thematisiert. Ebenfalls antwortet mir Herr Schweizer auch auf Fragen zu umstrittenen Themen wie das Klonen oder den Embryotransfer.

Urs Schweizer ist ein angesehener Zuchtexperte, welcher mit seiner Frau Barbara in Emlichheim im Jahr 2015 seine eigene Pferdezucht KABAYO gründete. Seine Leidenschaft für Pferde war in jungen Jahren schon präsent, er nahm regelmässig Reitstunden und an Turnieren teil. Nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung mit Diplomabschluss und später folgendem kaufmännischen Abschluss, wurde er Gründungspräsident und OK-Präsident des Verein Schweizer Sportpferde VSS/ACSS und der SUISSE ELITE FOHLEN AUKTION. 2003 gründete Urs Schweizer die Firma SWISS HORSE MANAGEMENT AG. Fünf Jahre später führte er die Zucht der Harli Seifert Pferdezucht GmbH und der Dressurpferde Leistungszentrum Lodbergen GmbH. Nach über acht Jahren Zusammenarbeit verliess er die Gestütsleitung des Dressurpferdeleistungszentrums Lodbergen und hinterlässt viele bedeutsame Erfolge. Unter seiner Leitung fanden Hengste wie For Romance I OLD, Dante Weltino OLD, Rubin Royal OLD und aufkommende Junghengste wie Dominy, Sensation und Finest Selection innerhalb kurzer Zeit weltweite Anerkennung. Der Pferdezucht- und Wirtschaftsexperte übernahm danach neben seiner eigenen Zucht die operative Führung der Hengstation Gut Neuenhof.

Urs Schweizer mit FOR ROMANCE I

Urs Schweizer mit FOR ROMANCE I

Urs Schweizer war sofort bereit mir ein paar Fragen bezüglich der Pferdezucht ausführlich zu beantworten. Vorab möchte ich euch Begriffe wie Embryotransfer, Frisch- und Tiefgefriersamen, sowie das Klonen in der Pferdezucht näher bringen.

Der Embryotransfer ist eine moderne Reproduktionsmethode in der Pferdezucht. Die Zuchtstute wird normal gedeckt und später in die Klinik für die Embryonengewinnung gebracht. Der vorhandene Embryo wird der zyklussynchronen Empfängerstute übertragen und von dieser ausgetragen. Es ermöglicht Züchtern mit aktiven Sportstuten zu züchten, ohne sie aus dem Sport rausnehmen zu müssen. Dennoch fragen sich viele Menschen, ob es für die werdende Mutter keine Auswirkungen auf die Psyche hat.

Frischsamen wird nicht gefroren, sondern flüssig gekühlt und ermöglicht dadurch weltweiten Export. Das Tiefgefriersperma wird mit flüssigen Stickstoff tiefgefroren und ermöglicht nicht nur einen weltweiten Export, sondern auch eine unbegrenzte Lagerung. Nicht jeder Hengst ist tauglich um sein Sperma tiefzufrieren, da bei geringer Motilität die Qualität seines Spermas enorm leiden würde. Somit sollte die Fortbewegungsqualität der Spermien (Motilität) nicht unter 50% sein.

Das Klonen ist uns durch das Schaf Dolly wohl allen einen Begriff. Dolly ist das erste erfolgreich geklonte Tier. Nun wird diese Methode auch in der Pferdezucht angewendet und erhält kaum positive Resonanz. Um ein Pferd zu klonen wird vorerst Hautgewebe des zu klonendes Pferdes entnommen und im Labor werden die darin enthaltenen Zellen als Kultur angelegt. Von Stuten werden danach Eizellen entnommen und der eigene Zellkern durch den Zellkern des zu klonenden Pferdes ausgetauscht, man nennt dies somatischer Kerntransfer. Der letzte Schritt ist die Implantation dieser Eizelle in eine Zuchtstute, welche dieses Fohlen austragen wird. Das Fohlen stimmt dem zu klonenden Pferd genetisch zu 100% überein.

Interview mit Urs Schweizer

War es für Sie schon als Kind klar, dass ihr Leben den Pferden gewidmet wird?

Ich hatte bereits im frühesten Kindesalter ( 5-jährig ) gesagt, ich möchte mal Bauer werden, weil mich generell die Tiere und der Umgang mit ihnen schon immer sehr fasziniert haben. Durch meinen Onkel, welcher selber Pferde züchtete und dessen Töchter auch fantastische Reiterinnen waren, hatte es mir das Pferd und die Pferdezucht besonders angetan. Es war aber für mich bereits zu diesem Zeitpunkt klar, dass die Tiere und im speziellen die Pferde immer ein Bestandteil von meinem Leben sein werden !

 


Wie kamen sie zur Pferdezucht und was fasziniert Sie daran?

Mit 16 Jahren bekam ich von meinen Eltern das erste Reitabonnement geschenkt (danach war dann aber das SPONSORING auch schon zu Ende ….smile ), nachdem ich zuvor über das Voltigieren bereits erste Erfahrungen auf dem Pferderücken gelernt hatte. Mit 20 Jahren konnte ich mir den Wunsch vom eigenen Pferd, mit selbst verdientem Geld ermöglichen, und musste dadurch auf vieles verzichten, damit ich mir die monatlichen Unterhaltskosten leisten konnte (damals im Jahre 1980 bereits schon 650 CHF). Bei der Reiterei war meine grosse Vorliebe das Springreiten, obwohl ich immer sehr gerne auch dressurmässig mit meinem Pferd gearbeitet habe. Als ich mir dann 1985 mein eigenes Haus im Thurgau gekauft hatte, mit Pferdestall, und die beruflichen Belastungen auch immer grösser wurden, konnte ich dem notwendigen Training, welches für den seriösen Pferdesport unabdingbar war, nicht mehr gerecht werden. Somit hörte ich mit dem Springreiten im Jahre 1991 aus zeitlichen Gründen auf und konzentrierte mich immer mehr und mehr auf die Pferdezucht. Mein erstes Fohlen hatte ich aber bereits 1989 gezüchtet. Um gezielt gute, gesunde und erfolgreiche Sportpferde zu züchten, muss man sich aber auch hier sehr intensiv mit der Materie, insbesondere mit der Genetik, Eigenleistung und vor allem den Mutterstämmen der zur Zucht eingesetzten Stuten auseinander setzen! Für mich war aber gezielte Tierzucht mit Kaninchen, Meerschweinchen, Goldhamstern und div. Vogelarten immer schon ein Thema, auch in meinen Kindertagen.

 


Was war ihr bedeutsamster Erfolg in ihrer Karriere?

Ich glaube die schönsten Erfolge, die ich in meiner nun doch schon 30-jährigen Zuchtkarriere feiern konnte, sind die im Sport bis International erfolgreichen Sportpferde wie ein U.S. CAPISTRANO v. CALANDO II, U.S. RAGGIO DI LUNA v. ROYAL Z (Springen) oder eine U.S. LATINA v. RUBIN ROYAL (Dressur) aber auch die bisher 4 gekörten Hengste aus unserer Zucht (zum Teil Prämienhengste ihrer Körungen). Sie sind natürlich absolut züchterische Highlights für mich. Einerseits ist sicherlich auch der wirtschaftliche Erfolg in der Pferdezucht sehr wichtig und erfreulich, wenn er da ist. Aber die grössten Erfolge und Bestätigungen für einen Züchter sehe ich immer darin, dass die züchterische Überlegung einer Anpaarung aufgegangen ist, wenn man sein selbst gezüchtetes Pferd später mal erfolgreich im Sport sieht oder als gekörter Hengst den Körplatz verlässt. Ich habe immer versucht, unsere Fohlen in möglichst fördernde Hände zu verkaufen, in der Gewissheit, dass dies einen grossen Teil des späteren Erfolgs ausmachen wird.

Neben meiner eigenen züchterischen Tätigkeit war ich ja auch ehrenamtlich tätig in verschiedenen Zuchtorganisationen und Vereinen. Hier sehe ich es sicherlich als einen meiner grössten Erfolge, dass ich als Initiant und Gründungspräsident dem VEREIN SCHWEIZER SPORTPFERDE VSS/ACSS erfolgreich auf die Beine verholfen habe, und dass die damit verbundenen SUISSE ELITE FOHLEN AUKTIONEN und der Verein selbst auch heute immer noch ein grosser Erfolg sind.

2010 wurde ich von Thomas Schmidheiny nach Norddeutschland geschickt, um dort das von ihm erworbene DRESSURLEISTUNGSZENTRUM LODBERGEN und die HARLI SEIFERT PFERDEZUCHT auf Vordermann zu bringen. Wir haben es geschafft, innerhalb von nur wenigen Jahren, diesen Betrieb als eine der renommiertesten Deckstationen Deutschlands zu etablieren. So bin ich u.a. auch der Entdecker der Hengste DANTE WELTINO OLD , FOR ROMANCE OLD, DSP DOMINY und FINEST SELECTION OLD und vielen mehr. Ich glaube, dass ich von der Natur ein grosses Geschenk erhalten habe, nämlich gute Pferde schon früh erkennen zu können. Natürlich bin ich auf diese Entdeckungen, meine Arbeit und meine Erfolge in Lodbergen etwas stolz.

 


Wo sehen Sie Schwachstellen in der modernen Pferdezucht?

Ich sehe ein gewisse Gefahr in der Tatsache, dass „marketingstrategische Fragen“ heute die Pferdezucht immer mehr dominieren und nicht mehr unbedingt die Grundqualität der Pferde. Der Züchter versteift sich immer mehr auf die Vermarktung von Fohlen, das schnelle Geld lockt, was ja grundsätzlich auch kein Fehler ist, aber die Gefahr in sich birgt, das Zuchtziel aus den Augen zu verlieren. Das Zuchtziel muss immer sein, ein gesundes, leistungsfähiges Pferd zu züchten, mit einer hohen Rittigkeit, Leistungsbereitschaft, gutem Interieur (Charakter)-Werten. Man muss aber heute nach wie vor, oder vielleicht sogar noch mehr als früher, als Züchter schon selbst auch über den nötigen Durchblick und Fachkenntnisse der Pferdezucht verfügen, um nicht den Verlockungen des TOP Marketing der Hengststationen zu erliegen und schlussendlich auch den richtigen Hengst auszuwählen.

Jeder Züchter muss aber vor allem und speziell auch gegenüber seinen Stuten sehr selbstkritisch sein. Nur das BESTE ist knapp gut genug für die Zucht und hierbei müssen wir auch immer bedenken, dass sich die Umwelteinflüsse, wie Haltung, Management, Qualität des Reiters usw. leider nicht mit vererben, sondern nur die reine Genetik. Auch damit müssen wir uns auskennen.

Für mich ist es oft auch erschreckend, wie viele sogenannte Experten bei der Beurteilung von Pferden und Fohlen sich von einem mit auffällig viel Schulterfreiheit ausgestattetem Vorderbein ablenken lassen, ohne dabei zu beachten, dass die „Musik“ hinten spielt. Eine aktive Hinterhand ist viel wichtiger als ein „Showstrampler“ vorne. Ich kann hier beim Fohlen bereits bestens erkennen, über welche Versammlungsmöglichkeiten ein Dressurpferd später unter dem Reiter und bei der Ausbildung mal verfügen wird. Ausserdem soll die Bewegung ohne Körperspannung locker und schwingend durch den gesamten Körper von hinten nach vorne fliessen – dann haben wir es später auf der Skala der Grundausbildung auch einfacher mit der „Losgelassenheit und dem Takt“ !

 


Was ist ihr Erfolgsrezept in der Sportpferdezucht?

Ich denke, dass Wichtigste bei uns in der PFERDEZUCHT KABAYO ist die Tatsache, dass wir nur mit ausgewählten Stuten aus den besten und exklusivsten Mutterlinien Deutschlands züchten. Gute Zuchtstuten auf dem Markt zu finden, ist etwas vom Schwierigsten, was es gibt. Deshalb kaufen wir immer wieder mal ein TOP-Stutfohlen aus diesen ausgewählten Mutterlinien, nur so kann man erfolgreich an diese guten Stämme kommen. Denn die wirklich guten Zuchtstuten (Nachzucht geprüft und bereits bewährt) sind eigentlich nie auf dem Markt.

Der gute Stamm (Genetik) ist zwar bei uns eine Grundbedingung, aber nicht das einzige Kriterium. Gesundheit, korrektes Exterieur, Typ und Ausdruck, Fruchtbarkeit, 3 überdurchschnittliche Grundgangarten und natürlich eine TOP Rittigkeit und Leistungsbereitschaft gehören auch dazu. Wenn wir es schaffen, solche Stuten, die alle diesen Ansprüchen genügend, zu finden, dann haben wir bereits die „Halbe Miete“ für eine erfolgreiche Pferdezucht geschaffen. Den richtigen Hengst müssen wir dann noch auswählen, welcher die Schwächen der Stute verbessert und die Stärken fördert und dann braucht es immer auch noch eine grosse Portion GLÜCK in der Pferdezucht. In der Zucht hat man nie Sicherheiten, sondern nur Wahrscheinlichkeiten, diese Wahrscheinlichkeiten müssen wir mit viel Sachverstand und gezielten Anpaarungen möglichst optimal unterstützen. Dies ist uns bis jetzt schon ein paar Mal gut gelungen.


Wie sieht ihr Alltag aus mit der eigenen Pferdezucht und als Zuchtberater der Hengststation Gestüt Gut Neuenhof ?

Wir haben uns ja 2017 einen eigenen Hof gekauft in der Grafschaft Bentheim in Emlichheim. Da sind wir jetzt mit viel Arbeit, Einsatzwillen, Motivation und vielen kreativen Ideen dabei, die PFERDEZUCHT KABAYO nicht nur über die erfolgreichen Pferde, sondern auch räumlich zu etablieren. Es ist heute nicht mehr so einfach eine Liegenschaft zu finden, wo auch genügend Weideland mit dabei ist. Wir sind sehr glücklich, dass uns dies in Emlichheim mit 10 ha Weidefläche gelungen ist. Im Moment laufen die Umbauarbeiten auf Hochtouren und wir hoffen, dass bereits dieses Jahr 2019 ein erster Teil unserer Pferde hier einziehen kann und spätestens 2020 die gesamte Truppe dann glücklich vereint ist hier in Emlichheim.

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Daneben bin ich noch als Berater tätig für die Hengststation Gestüt Gut Neuenhof – ein Betrieb den die Familie Schürner in der Eiffel sehr erfolgreich betreibt und eine Hengststation, die sehr viel Wert auf züchterische Überlegungen, Qualität der Pferde und des Beritts, sowie auf eine nachhaltige und langfristig angelegte Ausbildung und Förderung der Hengste legt. Ich freue mich sehr, dass ich für diese Hengststation als Zuchtberater tätig sein darf, was viele telefonische Beratungen in sich birgt und natürlich auch gezielte Kundenbesuche bei den Züchtern. Ausserdem ist der tägliche Kontakt mit Züchterkollegen auch sehr befruchtend für die eigene Arbeit!

Ausserdem bin ich jedes Jahr auf verschiedenen Plätzen noch als Zuchtrichter oder Speaker tätig. Langweilig wird es mir nicht mit unseren vielen Aktivitäten, den vielen Tieren und unserem kleinen Bauernhof in der Grafschaft Bentheim. Gottseidank habe ich mit meiner Frau Barbara eine Partnerin an meiner Seite, welche die Leidenschaft zu den Tieren mit mir teilt und der das Landleben ebenfalls sehr gefällt. Wir teilen auch die Faszination für unseren grossen Garten und die Natur!

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Urs und seine Frau Barbara Schweizer


Welchen Rat würden sie Hobbypferdezüchtern mit auf den Weg geben?

Ich kann nur jedem Hobbypferdezüchter raten, sich einen neutralen und vor allem ehrlichen und versierten Zuchtfachmann zur Seite zu nehmen, wenn er auf die Suche nach einer geeigneten Zuchtstute geht. Denn wie bereits oben erwähnt, ist die Qualität der Zuchtstute die wichtigste Grundlage die wir haben müssen. Man sollte sich überlegen, will ich für mich ein Fohlen aus meiner Stute züchten, welches ich auch behalten will, oder will ich professionelle Pferdezucht betreiben. Wenn letzteres der Fall ist, muss man die bereits vorhandene Stute wirklich sehr kritisch betrachten, bevor sie zum Hengst gebracht wird, um grosse Enttäuschungen zu vermeiden.

 


Was haben sie Grundlegendes in der Pferdezucht gelernt?

Geduld, seriöses Recherchieren, vieles zu hinterfragen, nicht alles zu glauben, was einem erzählt wird, sich selbst informieren und seriös ausbilden, und dass 1 + 1 in der Pferdezucht nicht immer zwingend 2 geben muss. Der Moment, wo eine Stute als tragend untersucht wird, ein neugeborenes Fohlen im Stroh liegt oder eines seiner gezüchteten Pferde im grossen Sport etabliert, entschädigt für viele Rückschläge und negative Erfahrungen, die es bei jedem Züchter auch gibt. Es ist und bleibt immer ein Stück weit der Natur überlassen, um in der Pferdezucht über Erfolg und Misserfolg zu entscheiden – und dies ist auch gut so! Ich habe bis heute sicherlich über 50 Fohlengeburten mitgemacht und es ist für mich jedes Mal auf’s Neue ein Wunder der Natur, wenn ein gesundes Fohlen geboren wird.


Embryotransfer ist ein umstrittenes Thema, was halten Sie davon?

Wir selbst haben es noch nie gemacht. Grundsätzlich halte ich es für eine sinnvolle Geschichte, um von einer züchterisch hoch wertvollen Stute, die vielleicht zu alt ist um selbst noch Fohlen auszutragen, oder sogar noch parallel im Sport geht, für eine gute Sache, um noch möglichst viele Nachkommen zu erhalten. Es sind mir aber etliche erfolgreiche Züchter bekannt, wo diese Reproduktionsmethode schlussendlich zum Kommerz wird und einer Stute in einem Jahr 5 – 6 Embryonen entnommen werden. Dies ist für mich ethisch nicht vertretbar. Ich sehe hierbei eine Ausbeutung der Natur und eine gewisse Respektlosigkeit der Besitzer/Züchter ihrem Pferd gegenüber.

Mit welchen Befruchtungsmethoden haben Sie die besten Erfahrungen gesammelt?

Wir arbeiten bei unseren Stuten hauptsächlich mit Kühl-(Frischsamen), Natursprung gibt es ja schon fast nicht mehr, aber natürlich kann man mit einem guten Tierarzt auch über die künstliche Besamung mit Tiefgefriersamen geniale Erfolge haben, vielleicht sogar noch besser als mit Frischsamen, da die Stute ja doch in sehr kurzen Intervallen auf den Eisprung untersucht wird und dann schlussendlich auch möglichst kurz vor oder nach der Ovulation besamt werden kann.


Wie empfinden Sie die Wandlung der modernen Pferdezucht?

Die Pferdezucht hat in den letzten Jahrzehnten sicherlich eine grosse Wandlung durchgemacht. Die bäuerlichen Züchter werden immer etwas weniger und die Hobbyzüchter immer etwas mehr. Ausserdem ist Pferdezucht natürlich auch kein billiges „Hobby“, den gute Qualität, Decktaxen, Management, Tierärzte usw. hat alles seinen Preis und somit haben wir heute auch immer mehr Unternehmer in der Pferdezucht, welche diesen Betriebszweig dann quer Subventionieren durch andere Firmen. Aber ganz egal, wer die Pferdezucht betreibt, es ist und bleibt immer das Wichtigste, dass man mit einem durchdachten Konzept, gutem Fachwissen und vor allem mit viel Geduld und Herzblut bei der Sache ist.


Auf was sollte man vermehrt Augenmerk legen bei der Pferdezucht?

Auf das wirkliche Zuchtziel und nicht die schnelle Vermarktung sollte das Thema sein, sondern die Qualität des späteren Reit- resp. Sportpferdes! Die Gesundheit ist immer ein grosses Thema, und es sollten auch diesbezüglich sämtliche Stuten vor Zuchteinsatz untersucht werden. Man kann auch jedem Züchter nur raten, sich selbst weiter zu bilden zu diesem Thema, wo er nur kann und Gelegenheit dazu hat.


Seit wenigen Jahren ist eine revolutionäre Idee zur Pferdezucht aufgekommen, das Klonen. Was ist ihr Standpunkt dazu?

Halte ich gar nichts davon, absolut absurd und irreal, es gibt immer wieder gute Pferde, die gezüchtet werden. Wie langweilig würde doch die Pferdezucht, wenn nur noch „Klone“ durch die Gegend springen und passagieren. Dies wurde ja doch schon ein paarmal mit international hoch erfolgreichen Pferden gemacht, aber ich habe bis jetzt noch keinen Klon von E.T. oder anderen Spitzenpferden im grossen Sport gesehen. Mit dem Klonen können wir ja nur die genetische Grundlage fast identisch kopieren. Aber den schlussendlichen Erfolg machen dann ja auch die grossen Umwelteinflüsse, wie Fütterung, Aufzucht, Ausbildung, Beritt, Training, Haltung usw. aus. Ich halte das Klonen von Pferden aber auch anderen Tieren für moralisch unvertretbar und absolut überflüssig!!


Im Pferdesport trifft man selten auf „bunte“ Pferde, auch viele Züchter sind abgeneigt „bunte“ Pferde zu züchten, wie sehen Sie das?

Ich selbst bin ein grosser Freund der bunten Pferde! Wir haben im Moment auch eine wunderschöne Palominostute, welche wir gezüchtet haben und ich hatte auch schon Schecken in unserer Zucht. Das Problem sehe ich ein bisschen in der Tatsache, dass die „Bunten“ aus welchen Überlegungen auch immer, bisher ein wenig verpönt waren im Spring-, vor allem aber auch im Dressursport, weil dann sofort immer der blöde Spruch vom COWBOY oder INDIANER kam. Deshalb findet man leider auch nur eine sehr beschränkte Auswahl an wirklich qualitätsvollen bunten Warmblutpferden für den Dressur- oder Springsport. Bunte Pferde zu züchten, sehe ich aber als eine grosse Chance am Markt, denn die bunten Pferde haben sehr viele Liebhaber, speziell auch bei den Freizeitreitern und sie lassen sich auch gut verkaufen. Ich bin mir sicher, wenn die Qualität stimmt, sind heute die Bunten auch im Springsport und Dressursport gern gesehene Pferde, die etwas Abwechslung in die Eintönigkeit der dunklen Farbe bringen. Farbvorlieben sind, wie in der Mode auch, immer gewissen Wechseln unterworfen. Ich liebe auch die bunten Füchse sehr, wir haben einige davon in unserer Zucht stehen. Für mich muss ein gutes Pferd nicht unbedingt Rappe sein, da nehme ich es ganz locker mit der alten Pferdezüchterweisheit: „Ein gutes Pferd hat keine Farbe!“


Welchen Unterschied sehen sie beim Einsatz von Frisch- und Tiefgefriersamen?

Ich denke der grosse Unterschied beim Einsatz von Frisch- zu Tiefgefriersamen besteht mal in den Nebenkosten. Beim Einsatz von Tiefgefriersperma sind natürlich die Tierarztkosten viel grösser als beim Frischsamen. Der grosse Vorteil ist aber hier, dass der Samen über den Versand von Tiefgefriersamen auch in Brasilien, Australien, USA, Südafrika usw. genutzt werden kann, was mit Frischsamen natürlich nicht aufgrund des zeitlichen Aufwands für den Versand nicht möglich ist. Mit Tiefgefriersamen kann ich, da die verwendete Spermamenge viel geringer ist als bei Frischsamen auch mehr Züchter glücklich machen, z.B. wenn ein Hengst sehr gefragt ist. Es gibt auch Hengste, da lässt sich das Sperma zwar problemlos als Frischsamen verschicken, aber das Einfrieren der Spermien ist nicht möglich. Beim Tiefgefriersamen muss möglichst exakt auf den Eisprung der Stute besamt werden, da der Samen nach dem Auftauen nur sehr beschränkt noch lebens- und Befruchtungsfähig ist und beim Frischsamen kann da etwas grosszügiger gedacht werden und die Stute kann ruhig erst 24 Stunden nach der Besamung vom Tierarzt kontrolliert werden, ob noch eine weitere Besamung in der selben Rosse notwendig ist. Bei hohen Transportkosten für das Sperma wird die Stute dann ja nach der ersten Besamung mit Frischsamen auch gerne „angespritzt“ d.h. sie erhält eine Injektion welche den Eisprung in den nächsten 24 Stunden garantiert. So haben wir dies oft bei unseren Stuten auch gemacht, als ich noch in der Schweiz war. Machen wir jetzt aber nicht mehr, es soll alles so natürlich wie möglich von statten gehen.

 


Was gibt es Wichtiges zu beachten bei der Fohlenaufzucht?

Die gesunde Aufzucht der Fohlen ist ein elementares Thema für die spätere Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Pferde. Da gehören natürlich sehr viele Punkte dazu. Einerseits sollten die Pferde nach Möglichkeit Sommer und Winter jeden Tag über viele Stunden ruhig bewegen. Kurze Bewegungsmöglichkeiten mit viel „Aktion“ ist sicherlich mit einer Gründe für eine ungesunde Entwicklung des Pferdes. Ausserdem ist das Pferd natürlich ganz klar von Natur aus ein Bewegungstier, welches sich in freier Wildbahn bis 18 Stunden am Tag über weite Strecken mit der Futtersuche beschäftigt. Es ist also nicht nur für die körperliche Entwicklung ein sehr wichtiger Aspekt, sondern auch auch für die psychologische Entwicklung des Pferdes. Die Fütterung sollte eher knapp, mit viel Raufutter und vor allem genügend Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen sein, man darf ruhig bei Aufzuchtpferden etwas die Rippen erkennen, das ist gesünder als „fette“ Pferde mit wenig Bewegung. Ganz wichtig auch die regelmässige Hufpflege genauso wie beim Reitpferd alle 8 – 10 Wochen mal ausschneiden um allfällige Fehlstellungen, falls vorhanden, zu erkennen und zu korrigieren oder gar nicht erst aufkommen zu lassen. Sehr wichtig ist auch die regelmässige Untersuchung des Kots auf Wurm- und Parasitenbefall und diese gezielt nach Untersuchungsbericht zu bekämpfen. Sehr wichtig, und dies beginnt aber bereits bei der Geburt, ist dem Fohlen vom ersten Tag weg ein gutes Handling mit dem Mensch beizubringen. Vertrauen aufzubauen, Halfterführigkeit, Anbinden etc. Dies alles lässt sich dem kleinen Fohlen noch sehr spielerisch und mit viel Liebe beibringen und es wird sehr viel schwieriger sein, einen völlig verwilderten 3-jährigen dann auf die Zusammenarbeit mit dem Mensch zu prägen.


An was erkennen Sie einen erfolgreichen Hengstanwärter?

Grundsätzlich hat man für den Hengstanwärter den Anspruch 1. An eine TOP Genetik, sehr gute Mutter- und Vaterlinie 2. Korrektheit des Exterieur 3. Drei sehr gute Grundgangarten 4. Rittigkeit und Leistungsbereitschaft (lässt sich dann aber erst über das Reiten natürlich feststellen, aber wenn die Eltern sehr rittig sind, so trifft das meistens auch auf die Kinder zu) 5. Gesundheit, frei von genetischen Mängeln und Krankheiten und natürlich sollte ein Hengst auch über eine herrliche Typausprägung und Ausstrahlung verfügen. Man sollte ihm das Vatertier ansehen, und nicht erst studieren müssen, habe ich jetzt eine Stute oder einen Wallach vor mir?

 


Wie wichtig empfinden Sie die Eigenleistung der Zuchtstuten?

Die Eigenleistung von Stuten ist natürlich sehr schön, falls sie vorhanden ist. Auf der anderen Seite sollten die wirklich guten Stuten sehr früh in die Zucht, d.h. 3-4 jährig. In diesem Alter kann also eine gute Stute eigentlich nur eine gute Stutenleistungsprüfung mit guten Noten absolviert haben. Auf der anderen Seite ist für mich eine aussergewöhnliche Sportleistung ab Klasse S einzustufen, bis das Pferd also dahin gebracht werden kann, vergeht sehr viel Zeit – da sind die Stuten schon locker mal 10-jährig und dann hat man viele wertvolle Zeit für die Zucht verloren. Eine hohe Eigenleistung der Stute im Sport hilft aber sicherlich ganz gewaltig mit bei der guten Vermarktung ihrer Fohlen.


Kann man das Geschlecht des Fohlens steuern durch verschiedene Befruchtungsmethoden?

Bei Rindern ist ja das sogenannte „Samen-Sexing“ schon eine weit verbreitete Methode, der Bauer kann also bei der künstlichen Besamung seiner Kuh wählen, ob er ein weibliches oder männliches Tier möchte. Geschlechtsbestimmend bei der Befruchtung einer Eizelle sind immer die Spermien. Es gibt also weibliche- oder männliche Spermien, je nachdem, wer das „Rennen“ macht, wird es dann ein Stut- oder Hengstfohlen. Bei den Rindern werden die weiblichen und männlichen Spermien mit Zentrifugieren getrennt, da sie sehr unterschiedlich im Gewicht sind, ist dies dort relativ einfach möglich.

Bei den Pferden wurde dies auch schon mal versucht, aber es hat sich heraus gestellt, dass die Trennung der Spermien nach Geschlechtern beim Pferd bedeutend schwieriger ist, als beim Rind. Es ist ausserdem sehr, sehr teuer. Also wird dies wohl in naher Zukunft in der Pferdezucht keine Option sein.

 

                

Ich bedanke mich von ganzem Herzen für deine Bereitschaft dein Wissen zu teilen und mir diese Fragen zu beantworten. Es hat mir sehr grosse Freude bereitet diesen Blogbeitrag auf die Beine zu stellen und meine Begeisterung zu deiner Arbeit mit meinen Lesern teilen zu können. Ich wünsche deine Frau Barbara und dir viel Erfolg weiterhin in eurer Pferdezucht KABAYO und viel Freude in eurem eigenen Paradies in Emlichheim.

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